Presse

"Entstanden ist ein poetisches Materiallager, das die Inhaberin ständig auffüllt, umräumt, auswertet, entrümpelt. Dort finden sich Wörter und Halbsätze, die sie in der internationalen Alltagssprache, im Internet, in der Presse, in der Literatur entdeckt, >Quasi-Objekte< aus der Welt des Sports und anderen Spezialgebieten. Kriterien der Auswahl scheinen Originalität und Schönheit zu sein - und eine >unvordenkliche Albernheit<, der die skurrilsten Verballhornungen seit Elfriede Jelinek zu verdanken sind. (..)
Die Wunderkammer der anspruchsvollen Sammlerin enthält ausgerissene Schnipsel, auf Zetteln Notiertes, Bewusstseinsreste einer unendlichen Lektüre, die sich nicht nur auf Bücher, sondern auf die Welt schlechthin erstreckt: der Name einer Spelunke in Nordfrankreich, beim Vorbeifahren notiert (>bar soyons kool<), ein Versprecher auf einer Abendgesellschaft in New York (>diplomatic corpse<), Fundstücke wie die >traurige Realität sowjetischer Butterbrote<, >blöde bleibsel der entgleisung<, >fönwelle stefan george<, der vielfache Nachhall von Zitat und abgewandeltem Zitat."
Aus: Katharina Raabe: Eine kluge Form des Amüsements, in: Kafka - Zeitschrift für Mitteleuropa, 7, 2002

"Ihr (Monika Rincks) Begriffsstudio ist keine Galerie der Geistesgelehrtheit, sondern ein im besten Sinne postmoderner Setzkasten, in dem diverse Tonlagen, hoch und niedrig, trivial und zerebral, dicht nebeneinander liegen, sowohl räumlich als auch sinngemäß. So liest sich die Zeile 100 etwa: >die erlösung der welt scheint ungenau zu sein< (und ihr Kommentar: >Wie viel exakter und detailreicher ist ihre Verdammung!<), doch glücklicherweise werden weiter hinten "blessings-II-go" angeboten, auch wenn das nur der Name eines China-Imbisses in Connecticut ist. Heilskritik und Fortune-Cookie sind eben nur zwei Facetten des gleichen Themas, man muss nur genau hinschauen. Das Begriffsstudio ist eine demokratische Anstalt. In ihrer Zwangsgemeinschaft zwischen den Buchdeckeln sind all diese Zeilen herrlich nivelliert und der Würde oder der Schäbigkeit ihrer Herkunft entledigt. Der Leser hat erstmal keine andere Wahl, als gerechter Richter zu sein. Das ist >chicken döner JUSTIZIA 2000< vor dem Sprachmaterial."
Aus: Nikolaus Stemmer: Der Traube Schüchternheit. Monika Rinck richtet ein Begriffsstudio ein und darin läßt sich herrlich hausen," in EDIT - Papier für neue Texte, 28 Frühjahr 2002.

"Eigentlich ist die Rincksche Archivmaßnahme ein Hohelied auf den obskuren Begriff und dessen Produktivität für die Sprache. Denn das >Begreifbare< das energisch von der Kommunikationsrichtigkeit Auferlegte, ist viel seltener prächtig als ein neugierig tastender >Begriff<, dessen Inhalte neu sind, noch unausgedeutet oder unausdeutbar. Das >schizophragma< etwa, ist wegen der kaum eindeutigen Referentialität vielleicht ein rettungslos flüchtiger Ausdruck, andererseits jedoch höchst poetisch und in seiner Benennungsoffenheit eventuell unvermutet dynamisch. Und Benennungen wie >chess-radio< oder >fönwelle stefan george< verweisen einfach auch auf eine abgefahrene Welt. (..) Die spielerisch kommentierte Edition >Begriffsstudio< zeigt in vielerlei Hinsicht interessante Exemplare von >Parallelpoesie<. Ob >hinreißend umständlich< oder profan verdorben: In jedem undidaktischen Wächterstück ist das Seltsame das Richtige."
Aus: Ron Winkler: Ein Hohelied auf den absurden Begriff, in scheinschlag 1 / 02

Rincks "Begriffsstudio" ist das Logbuch einer empfindsamen Reise durch die Wortlandschaft der Jahrtausendwende. (..) Der Leser begibt sich in die "faszinierende Welt der Schablonen", trifft "Prinzessin Eurotrash" und endet als "educated mehrfachdrecksau" beim "Themenabend Kieferbruch." Die Genese mancher Begriffe veranschaulicht ein angehängter Kommentar: "Mädchenpensionat, sagt A. an Bord eines Motorschiffes auf dem Wannsee auf ein Gebäude am Ufer deutend, Hähnchenpensionat machte der Wind daraus." Wo die Begriffe entgleiten, formt sich an der Grenzfläche zwischen Tiefsinn und grobem Unfug die Poesie des Alltags.
Aus: Ansgar Warner: Monika Rinck gesammelte Sprach-Trouvaillen - Wo die Begriffe entgleiten, in taz, 07.08.03